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physio-zoechling.at

Parasport

Manchmal führt einen der Beruf an Orte, mit denen man zu Beginn der eigenen Laufbahn nicht gerechnet hätte.

Für mich sind das mittlerweile Loipen und Wettkampfstätten in Österreich und auf der ganzen Welt.

Seit mehreren Jahren darf ich als Physiotherapeut für Ski Austria im Bereich Para Langlauf und Para Biathlon tätig sein. Dabei begleite ich Athlet:innen bei Trainingslagern und internationalen Wettkämpfen – von Kanada über Norwegen, Polen, Slowenien, Italien, Deutschland und Finnland bis hin zu einem ganz besonderen Höhepunkt: den Paralympischen Winterspielen Milano Cortina 2026.

Was diese Arbeit besonders macht, ist für mich nicht nur der Spitzensport.

Es sind die Menschen dahinter, ihre unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen und die Frage, die mich auch in meiner täglichen Arbeit als Physiotherapeut begleitet:

Was braucht dieser Mensch, um mit seinen individuellen Voraussetzungen die bestmögliche Leistung abrufen zu können?

1. Was bedeutet „Para“ eigentlich?

Para-Sport ist Leistungssport für Athlet:innen mit klassifizierbaren körperlichen oder visuellen Beeinträchtigungen.

Im Para-Langlauf treffen dabei sehr unterschiedliche Voraussetzungen aufeinander. Athlet:innen starten je nach Klassifikation stehend, sitzend im Sit-Ski oder mit einer Sehbeeinträchtigung. Bei sehbeeinträchtigten Athlet:innen kann zusätzlich ein Guide auf der Loipe zum Einsatz kommen.

Und genau hier wird schnell deutlich:

Para-Sport bedeutet nicht einfach, eine bekannte Sportart an eine Beeinträchtigung anzupassen.

Es ist Hochleistungssport mit enormer Ausdauer, Kraft, Technik und Präzision – unter sehr individuellen körperlichen Voraussetzungen.

Im Langlauf kommen klassische Technik und freie Technik beziehungsweise Skating zum Einsatz. Im Para-Biathlon kommt eine weitere Komponente hinzu: Unter hoher körperlicher Belastung müssen die Athlet:innen am Schießstand Ruhe, Konzentration und Präzision miteinander verbinden. Bei den Paralympics 2026 wurden sowohl Para Cross-Country als auch Para Biathlon in den Kategorien Vision Impaired, Standing und Sitting ausgetragen.

2. Klassifikation – damit sportliche Leistung entscheidet

Eine Besonderheit des Para-Sports ist die Klassifikation.

Die FIS-Klassifikation soll dafür sorgen, dass der Einfluss einer Beeinträchtigung auf die sportliche Leistung möglichst fair berücksichtigt wird. Dabei wird zunächst geprüft, ob eine für die Sportart relevante Beeinträchtigung vorliegt und die entsprechenden Mindestkriterien erfüllt werden. Anschließend erfolgt die Einteilung in eine Sportklasse.

Im Para-Langlauf reichen die Klassen von LW2 bis LW9 für stehende Athlet:innen, über LW10 bis LW12 für Sit-Ski-Athlet:innen bis zu den NS-Klassen für Athlet:innen mit Sehbeeinträchtigung. Innerhalb der Kategorien ermöglichen entsprechende Faktoren einen möglichst fairen Vergleich unterschiedlicher Sportklassen.

Das Ziel dahinter ist entscheidend: Am Ende sollen möglichst die Faktoren über Erfolg entscheiden, die auch sonst Spitzensport ausmachen – Technik, Kraft, Ausdauer, Taktik, mentale Stärke und die Leistung am jeweiligen Tag.

3. Physiotherapie zwischen Behandlungsbank und Loipe

Meine Arbeit bei Ski Austria findet nicht ausschließlich in einem Therapieraum statt.

Ganz im Gegenteil.

Als Physiotherapeut bin ich dort, wo die Athlet:innen mich brauchen – vor dem Training, nach Belastungen, während der Vorbereitung auf einen Wettkampf und natürlich direkt an der Loipe.

Dabei kann es um akute Beschwerden gehen, um Regeneration, Mobilität, muskuläre Probleme oder darum, einen Athleten bestmöglich auf die bevorstehende Belastung vorzubereiten.

Aber auch hier gilt für mich derselbe Grundsatz wie in meiner täglichen physiotherapeutischen Arbeit:

Nicht nur die einzelne Struktur betrachten, sondern verstehen, was der gesamte Mensch gerade leisten muss.

Bei Para-Athlet:innen bekommt dieser Gedanke noch einmal eine besondere Bedeutung.

Je nach Beeinträchtigung, Klassifikation, verwendeter Technik und Sportgerät entstehen vollkommen unterschiedliche Belastungsprofile. Ein Sit-Ski-Athlet stellt andere Anforderungen an Rumpf, Schultergürtel und obere Extremitäten als ein stehender Langläufer. Auch Prothesen, individuell angepasstes Equipment oder die Zusammenarbeit zwischen Athlet und Guide können Einfluss darauf haben, welche körperlichen Anforderungen entstehen.

Eine Standardlösung gibt es deshalb nicht.

Und genau das macht diese Arbeit für mich so interessant.

4. Betreuung bedeutet mehr als Behandlung

Bei internationalen Wettkämpfen verbringt man nicht nur eine Therapiestunde miteinander.

Man reist gemeinsam, trainiert gemeinsam, erlebt gute und schwierige Wettkampftage und befindet sich teilweise über längere Zeit fern von zu Hause.

Dadurch verändert sich auch meine Rolle als Physiotherapeut.

Es geht darum, den Athleten zu kennen: Wie reagiert sein Körper auf Belastung? Was funktioniert vor einem Rennen? Was braucht er danach? Wann können wir Belastung zulassen und wann sollten wir reagieren?

Physiotherapie im Spitzensport bedeutet für mich deshalb auch, Entscheidungen gemeinsam mit Athlet:innen, Trainer:innen und dem restlichen Betreuungsteam zu treffen.

Das Ziel ist nicht, ständig etwas zu „behandeln“.

Das Ziel ist, Bedingungen zu schaffen, unter denen ein Athlet seine Leistung abrufen kann.

5. Eine kleine Cross-Country-Gemeinschaft auf der ganzen Welt

Eine Sache habe ich auf meinen Reisen besonders schätzen gelernt: die Para-Cross-Country-Gemeinschaft.

Man begegnet sich über eine Saison immer wieder.

Kanada. Norwegen. Polen. Slowenien. Italien. Deutschland. Finnland.

Andere Länder, andere Loipen und andere Bedingungen – aber häufig dieselben Athlet:innen, Trainer:innen, Guides, Techniker:innen und medizinischen Betreuer:innen.

Man ist Konkurrent im Wettkampf und gleichzeitig Teil einer vergleichsweise kleinen internationalen Gemeinschaft.

Für mich macht genau das den besonderen Charakter dieses Sports aus.

Hinter den Ergebnissen und Startnummern stehen Menschen, die einen enormen Aufwand betreiben, um ihren Sport auf höchstem Niveau auszuüben.

6. Paralympics Milano Cortina 2026

Ein besonderer Moment meiner bisherigen Arbeit war die Möglichkeit, das österreichische Team bei den Paralympischen Winterspielen Milano Cortina 2026 begleiten und unterstützen zu dürfen.

Österreich war im Para-Langlauf und Para-Biathlon mit Stefan Egger-Riedmüller vertreten; insgesamt bestand das österreichische Paralympics-Team aus 19 Athlet:innen aus den Reihen von Ski Austria.

Die nordischen Bewerbe wurden im Val di Fiemme in Tesero ausgetragen. Dort traf die internationale Spitze des Para-Langlaufs und Para-Biathlons aufeinander.

Bei Paralympischen Spielen Teil dieses Umfelds zu sein, war für mich weit mehr als nur ein weiterer Wettkampf.

Es war die Möglichkeit, meine Arbeit genau dort einzubringen, wo über Jahre auf ein Ziel hingearbeitet wurde.

Wenn am Wettkampftag schließlich Sekunden entscheiden, steckt dahinter ein langer Prozess aus Training, Regeneration, medizinischer Betreuung, Material, Organisation und unzähligen kleinen Entscheidungen.

Als Physiotherapeut ein Teil dieses Prozesses sein zu dürfen, ist etwas Besonderes.

7. Was ich aus dem Para-Sport in meine tägliche Arbeit mitnehme

Vielleicht ist das Wichtigste, das mir diese Arbeit immer wieder zeigt:

Es gibt nicht den einen Körper, die eine Voraussetzung oder den einen richtigen Weg.

Zwei Menschen können dasselbe Ziel verfolgen und dafür vollkommen unterschiedliche Lösungen benötigen.

Im Para-Spitzensport wird das besonders sichtbar. Statt sich ausschließlich darauf zu konzentrieren, was körperlich nicht möglich ist, richtet sich der Blick sehr schnell auf eine viel interessantere Frage:

Was ist möglich – und wie können wir genau das bestmöglich nutzen?

Diese Denkweise nehme ich auch mit in meine tägliche Arbeit als Physiotherapeut.

Eine Diagnose oder Beeinträchtigung beschreibt einen Teil eines Menschen. Sie definiert aber nicht automatisch seine Möglichkeiten.

Für mich bedeutet gute Physiotherapie deshalb, individuelle Voraussetzungen zu verstehen, vorhandene Fähigkeiten zu nutzen und Belastbarkeit gezielt weiterzuentwickeln.

Ob auf einer Weltcup-Loipe, bei den Paralympics oder in meiner Praxis:

Am Ende steht für mich nicht die Einschränkung im Mittelpunkt – sondern der Mensch, sein Ziel und der Weg dorthin.

Simon Zöchling

Spezialisiert auf orthopädische und traumatologische Beschwerden mit Schwerpunkt auf Sportverletzungen.

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